Neues aus dem
Kindergarten Nohlstraße |
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Das Kinderbildungsgesetz (KiBiz) löste am 1. August 2008 das bis dahin geltende Gesetz über Tageseinrichtungen für Kinder (GTK) ab. Weitere „Reformen“, Neure- gelungen schlossen sich an und weitere „Verbesserungen“ werden noch folgen. Die aktuellen Infos aus dem Kindergarten Nohlstraße vermitteln ein „gutes“ Bild von den Folgen dieser veränderten Rahmenbedingungen. An die Eltern des kleinen KiBiz
Lang hat es gedauert, aber jetzt verstehe ich den Sinn der „Herdprämie“. „Es ist besser, liebe Eltern, ihr behaltet eure Kinder zu Hause, denn die Zustände in den Kitas werden langsam unzumutbar, sowohl für die Kinder, als auch für die Erzieherinnen“. Seit 33 Jahren bin ich eine solche. Seit 10 Jahren Kita-Leiterin. Seit 4 Jahren Familienzentrum. Seit 2 Jahren „sozialer Brennpunkt“. Seit einem Jahr Mitarbeiterpresbyterin. Seit 5 Jahren haben wir Delfin-Kinder. Seit 2 Jahren Zweijährige - und Zweijährige mit Sonderzuwendung. Das alles mag an dieser Stelle nicht weiter bewertet werden. Aber das wir seit einigen Jahren diesen blinden, hinkenden und frechen Vogel namens „KiBiz“ haben, das ist das größte Unglück, das uns je passieren konnte. Das haben wir, die Kinder und die Eltern einfach nicht verdient. Und dieses Kuckucksei wurde gebrütet um NRW zu dem „Familien- freundlichstem“ Land werden zu lassen (Zitat Herr Laschet). Viiiiiiiel Geld wurde ausgegeben (Zitat Herr Laschet) Viel??? Wofür??? Um Delfin-Kinder zu machen? Um Familienzentren zu entwickeln? Gesetzesansprüche wurden rausgehauen (die man gar nicht erfüllen kann) Einrichtungen wurden umgebaut. Kinderpflegerinnen wurden in die Qualifizierungsmaßnahme gezwungen, gleichgültig wie alt sie sind. Werden sie danach besser Popos sauber machen, nasse Kinder umziehen, Tränen trocknen, Lieder singen, schockeln, füttern, aufräumen? Ist doch eh alles kein Problem- wir sind doch qualifiziert, haben frisch renovierte Einrichtungen, wir haben plötzlich 20 Hände, 17 Ohren, endlos gute Laune, 5 Münder, 4 Schöße zum „Draufhocken“, können gleichzeitig Kindern ein ausgewogenes, gesundes Frühstück zubereiten, Tür- und Angel-Gespräche führen, Aushänge schreiben, natürlich in sechs Sprachen- denn habe ich es schon erwähnt? Wir haben auch ca. 60 % Migrationshintergrund. Und während wir das Elterncafé betreuen, begrüßen wir die Logopädin, telefonieren mit dem Träger oder der Blindenwerkstätte, sagen beim Kooperationspartner das Elternforum ab, tragen schnell noch die Flyer in die Welt und gestalten den Schaukasten neu. Ist alles kein Problem. Danach gehen wir turnen, machen schnell den Lese- Rechtschreibtest, die Sprachförderung, schmeißen noch flott die Waschmaschine an und die Spülmaschine und bieten danach die „Offene Sprechstunde“ an. Dann betreuen wir die Praktikantin, schreiben ein neues Sprachförderprogramm, planen den Ostergottesdienst, färben die Eier, trösten alle Eltern, die trotz Gesetzesanspruch keinen Platz in unserer Super-Kita bekommen können und gehen zwischendurch noch schnell einkaufen für das hoch- und vollwertige Bio-Mittagessen, zu dem alle Eltern, die nicht kochen können selbstverständlich eingeladen sind. Zu Hause schreiben wir den Artikel für den Gemeindebrief und die Bildungsdokumentation. Die Unterlagen für die Rezertifizierung des Familienzentrums sortieren wir dann am Samstag. Ach je, die Fortbildung, die hab ich ganz vergessen. Und den Artikel für- was war das doch gleich?- egal, den lese ich dann Sonntag. Nee, nee, nee. Den Sonntag nehmt ihr mir nicht! Da versuche ich mal nicht an den Beruf zu denken, was mir leider nicht gelingen wird, weil mich die Frage treibt: “Wer hat‘s gerechnet? Wer hat da in der Grundschule nicht aufgepasst?“ KiBiz Gruppenform 1 sagt: 20 Kinder, davon 6 Zweijährige. Also, ich versuche es noch einmal zu verstehen. Ich nehme jedes Jahr 6 Zweijährige auf. Diese bleiben logischerweise und völlig zu Recht 4 Jahre in der Kita. Das macht: 4x6 = 24. Aber KiBiz sagt das sind nur zwanzig Kinder. Ratlosigkeit macht sich breit. Auch unsere Überbelegung von fünf Kindern in diesem Jahr (mit zwei Kräften, die sich in der Qualifizierungsmaßnahme befinden) wird sich in den kommenden Jahren nicht abbauen lassen, sondern in Gegenteil sogar noch ansteigen. Bitte wer erklärt mir das? Bisher kann es niemand. Die Fachberatung nicht, der Träger nicht, die kommunalen Träger nicht und man staune: KiBiz selbst nicht. Schade, dass ihr für dieses Gesetz einen Tiernamen gewählt habt, denn ich achte die Schöpfung sehr, tue keiner Fliege etwas zu leide. Ich liebe das Leben, die Tiere, die Menschen, meine bunte frisch renovierte Migrationskita und nur deshalb fällt es mir nicht leicht so böse Worte zu formulieren. „Wo verdammt sind die Eltern von diesem Vogel?“ Holt euer Riesenbaby wieder ab und nehmt es mit nach Hause, bringt es zur Ergo-, Logo- und ich weiß nicht was-Therapie. Hier ist nichts familienfreundlicher geworden. Zweijährige werden in die Kitas gestopft (auf Kosten der Ü3 Kinder). Die emotionale Geborgenheit des Elternhauses wird früh angekratzt und ihr glaubt wir sind mit zwei Erzieherinnen auf 24 Kinder in der Lage, neben all den anderen Aufgaben, hochwertige Arbeit zu leisten? Zwei Kräfte in den Gruppen bedeutet: ⊳ keine Kleingruppenarbeit mehr ⊳ kein Turnen ⊳ gar keine Aktionen außerhalb des Gruppenraumes. Wer kümmert sich um die „Großen“, um die „Mittleren“ während beide Schöße mit Zweijährigen belagert sind? Wie bitte soll das alles funktionieren? Und warum sind all meine Leidensgenossinnen und Genossen still und ertragen dieses Elend? Warum sind all diese betrogenen Eltern still? Weil niemand weiß wie er sich wehren kann? Warum krächzt dieser Vogel immer noch? Das Leben in unserer Gesellschaft wird immer bürokratischer, statistischer, theoretischer. Kinder müssen früh und immer früher funktionieren. Sie werden getestet, geprüft, katalogisiert, verkibizt, kriegen eine Kopfpauschale, eine Sonderzuwendung, einen Logopäden, einen Ergotherapeuten. Gehen mit zwei in die Kita, mit fünf in den offenen Ganztag, machen mit 16 Jahren Abitur, laufen mit 18 Amok und haben mit 23 Jahren Bluthochdruck oder ihren ersten Herzinfarkt. Aber immerhin, die Eltern bekommen eine Erziehungsberatung und eine Notfallseelsorge. Niemand ist mehr gut und richtig, so wie Gott ihn geschaffen hat. Alle (fast alle) Menschen haben irgendwelche Makel, Fehler, Schwächen, sind für unser System nicht funktional genug. „Wie? Du kannst mit drei Jahren den Stift noch nicht richtig halten“? Da machen wir mal schnell eine Stifthalteförderung. Das kriegen wir schon hin. Alle Menschen werden in Schubladen gestopft und falls das Raster stimmt, wird die eine oder andere Schublade geöffnet und im Zeitfenster von 3,47 Minuten schnell der Fehler behoben. Dann mal flott, flott weiter zur nächsten Schublade. Ach, wir kriegen das alles hin. Nur krank werden darf in diesem System niemand, was aber bei den Berufsanforderungen wahrlich quasi vorprogrammiert ist. Mit unseren weisen, alten Menschen habt ihr das doch auch schon geschafft. Wie die Hühner werden sie in Käfige gestopft („Wohnpark“, „Residenz“ nennt ihr das, wie kann man nur so lügen?), abgearbeitet werden sie, bis sie still und alleine Abschied nehmen. Keiner war dabei, keiner hatte Zeit. Wollt ihr wirklich auch selber so aus dem Leben gehen? Mit den Alten hat‘s geklappt, die können sich nicht wehren. Jetzt macht ihr es auch noch mit den Kleinen, die können sich auch nicht wehren. Aber ICH, ICH kann meinen Mund aufmachen. ICH kann böse Worte formulieren, denn ihr habt mich sehr böse gemacht. Böse, wütend und zugleich tieftraurig. Und ich bleibe nur deshalb in diesem (besch...) Nest hocken, weil ich hoffe auch nur einen Funken Menschlichkeit in diesem System aufrechterhalten zu können. Macht doch verdorri noch einmal eure Arbeit. Wir brauchen keine Quoten. Wir brauchen keine tollen Statistiken, wir brauchen keine Vögel und Delfine und andere Hirngespinste. Wir brauchen Zeit. Wir brauchen Zeit, um mit unseren Kindern in den Zoo zu gehen. Um mit ihnen im Gras zu liegen und Ameisen zu zählen. Um Blumen zu pflanzen und Gott für das schöne Leben zu danken. Wir brauchen Zeit und Geduld und Kraft. Und all das macht dieser Vogel kaputt. Wir brauchen kleinere Gruppenstärken. Wir brauchen mehr Personal. Wir brauchen noch mehr Räume, wir brauchen Köche, die unsere Bioeier zum Frühstück kochen und unser vollwertiges Mittagessen zubereiten. Wir brauchen Zeit, um auf den Markt zu gehen, zum Bauern zu fahren, Baustellen zu betrachten, Bücher zu lesen. Wir brauchen Zeit, um mit unseren Migrationsmüttern die nonverbale Kommunikation auszubauen, mit ihnen Tee zu trinken, mit ihnen zu leben, ihr Vertrauen zu gewinnen. Integration kann nicht bedeuten, sie zum Sprachkurs zu schicken. Wann werdet ihr endlich einmal zuhören? Wann werdet ihr endlich einmal hinschauen? Wann werdet ihr euch einmal hinsetzen, den Wählerfang-Apparat abstellen, das „Spieglein, Spieglein an der Wand - wer ist der Tollste im ganzen Land“ Spieglein sein lassen und tief einatmen? Wann werdet ihr das Leben fühlen? Die Schöpfung achten? Wann werdet ihr dankbar für dieses Geschenk sein und euch fragen, ob ihr möchtet, dass alles, was ihr anderen antut auch euch selber angetan werden soll?! |